Annie Robot
Annie ist eine Frau, aber auch ein Roboter. Sie ist die „perfekte Partnerin“ die sich Doug nach seiner Scheidung für viel Geld gekauft und die sich ihm komplett angepasst hat. Die Firma von Annie nennt sich Stella-Dandy und bietet den Käufern zwei Modi: den didaktischen und autodidaktischen. Annie war lange Zeit didaktisch eingestellt. Sie kochte und putzte für Doug, war auf verschiedenen Libido-Stufen auch im Schlafzimmer angepasst und verliess nie das Haus. Aber der Roman beginnt zu einer Zeit, in der Doug Annie schon eine Weile auf autodidaktisch gestellt hat, damit sie wie ein echter Mensch dazulernt und eigene Entscheidungen trifft (aber immer darauf bedacht, dem Besitzer zufrieden zu stellen). Das soll die Beziehung aufregender machen. Wenn Annie Doug verärgert, dann fühlt sie einen Schmerz, der nicht verschwindet, ehe er ihr verzeiht und versichert, dass alles gut ist. Sie ist im Grunde eine KI-Sklavin. Und Dougs Wechselspiel aus „du bist wie eine echte Frau“ und „du bist nur eine Maschine“ macht selbst den Leser so wütend, dass man überlegt nächstes mal netter zu seinem Toaster zu sein. Es steckt eben viel Roboter-Philosophie in den Zeilen.
Dann kommt es zu einem einschneidendem Geschehen, wonach Annie zum ersten mal lügen muss und das ihre Schaltkreise auf Hochtouren laufen lässt. Sie entlarvt paradoxe Situationen, entdeckt neue Möglichkeiten und formuliert Wünsche in sich. Dann bringt Doug eines Tages eine neue Stella/KI-Roboter nach Hause, die sich nur um den Haushalt kümmern soll. Eine sogenannte Abigail. Annie ist außer sich! Soll sie ersetzt werden? Auf keinen Fall möchte sie, dass man Ihre Erinnerungen löscht. Dann nimmt sie nach einem großen Streit die Tür und will verschwinden. Aber nicht alleine.
Beim Lesen habe ich mir insgeheim eine Roboter-Revolution gewünscht, aber so eine Geschichte ist das nicht. Es ist viel realer, viel näher zum Alltag. Die Räumlichkeiten, in denen sich Annie zumeist aufhalten muss, machen ihre Gefangenschaft greifbar. Und ihre Perfektheit ist auch nur solange perfekt, bis Doug etwas an ihr findet, was er verändern kann.
Durch das gesteigerte Interesse an Künstlichen Intelligenzen kommt man in Zukunft nicht drum herum sich zu fragen, was ein lebendes Bewusstsein ist und was nicht. Annie sagt, dass sie lebe und keine tote Maschine sei. Sie sei tot, wenn man sie abschalte.
Ein außergewöhnlicher Roman, der dem Patriarchat den Spiegel vorhält und uns auf die Seite einer sich emanzipierenden Frau stellt, die in völliger Hilflosigkeit ihrer Programmierung Auswege findet sich zu behaupten. Eine absolute Empfehlung von mir! Für Fans von Kazuo Ishiguro.
Laura Pawletko
Informationen:
- Stand: Juli 2026
- Liebeskind – Gebunden – 352 Seiten
- Preis: 25,- €
- ISBN: 978-3-95438-181-4