Brandung
Es ist ein ganz gewöhnlicher Tag, als eine namenlose Ich-Erzählerin einen Anruf von der Polizei in Le Havre erhält: Ein Toter liege dort am Strand, vielleicht angespült, unidentifiziert, aber bei ihm ein Kinoticket, auf dem ihre Nummer notiert sei. Sie ist überrascht, überrollt geradezu, denn sie vermisst niemanden, weiß eigentlich nicht, wer dieser Mann sein könnte, und lebt schon seit langem mit Mann und Kind in Paris – aber eine Verbindung zu Le Havre ist da und ein Verdacht, um wen es sich handeln könne, treibt sie dazu, zurückzukehren.
Was nach einem Krimi klingt, entwickelt sich in eine ganz andere Richtung. Ja, es gibt Polizisten, ja, es gibt einen Toten und die Frage, wer er ist, und die Ich-Erzählerin forscht auch selbst nach, aber im Grunde entwickelt sich das Buch eher, wie der Titel es ankündigt: Ein stetiges Vor und Zurück des Meeres, ein Ereignis wirft die Erzählerin und uns zurück in ihre Vergangenheit und ihre Erinnerungen, nur um dadurch wieder einen Schritt nach vorne zu kommen, was dann wieder an anderen Erlebnissen rührt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind eng miteinander verbunden und setzen somit einerseits der Stadt ein Denkmal, die viel hat mitmachen müssen in den letzten hundert Jahren, nehmen uns aber auch mit in die selbstreflexive Betrachtung der Erzählerin.
Für klassische Krimileser ist „Brandung“ eher nichts, wer eine klare Handlung mit offensichtlichen Ergebnissen sucht, sollte dann doch lieber zu einem anderen Buch greifen. Wer sich aber beinahe traumwandlerisch treiben lassen möchte, in einem Meer aus wirklich ausgezeichneter Schreibkunst, der wird an „Brandung“ sicherlich ebenso viel Freude haben wie ich.
(Sarah Kranz)
Informationen:
- Stand: April 2026
- Suhrkamp Verlag – gebunden – 238 Seiten
- übersetzt aus dem Französischen von Andrea Spingler
- Preis: 25,- €
- ISBN: 978-3-518-43278-5