Den Himmel stürmen

Ein Roman von Poalo Giordano

Paolo Giordano Den Himmel stürmen

Paolo Giordano ist 1982 in Turin geboren. Er ist promovierter  Physiker und Schriftsteller und hat bisher vier Bücher veröffentlicht, wobei sein erstes Buch „Die Einsamkeit der Primzahlen“ ein internationaler Erfolg und 2008 das meistverkaufte Buch Italiens war.

Den Himmel stürmen ist nun das neue Buch von Paolo Giordano. 

Darin erzählt er über 25 Jahre, von den 90ern bis heute, von Teresa und ihren Freunden, von Freundschaft, Liebe, Sinnsuche und Selbstbestimmung. Teresa wohnt zu Beginn des Romans mit ihren Eltern in Turin, aber sie besucht regelmässig in den Sommerferien ihre Großmutter, die in einer Villa in Speziale in Apulien lebt. Diese Besuche macht sie nur  mit ihrem Vater, ihre Mutter hat kein Interesse am Süden. Eigentlich langweilt sich Teresa dort immer ein bisschen, bis  eines Tages die drei Jungs vom Nachbarhof verbotenerweise im Pool der Großmutter toben. Nach Zurechtweisung und Entschuldigung beginnt Teresa sich immer mehr für die Freunde zu interessieren. Besonders Bern geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. 

Bern und Tommaso leben mit Nicola, dem Sohn der Nachbarn Cesare und Floriana auf dem Hof, den sie in einer Art christlichem Auftrag bewirtschaften und auch ihren Sohn und die beiden Pflegekinder in tiefer Gläubigkeit erziehen. Nach mehreren Sommern, der sich langsam steigernden Freundschaft entfacht eine Liebe zwischen Teresa und Bern. Die große LiebeBern, wie die beiden anderen sehr christlich erzogen, rätselhaft, charismatisch und im Verlauf der Geschichte zunehmend radikal und fanatisch

Im nächsten Sommer ist Bern  nicht mehr auf dem Hof, irgendetwas ist passiert,  Teresa weiß nicht was, fährt aber nicht mehr nach Apulien, bis ihre Großmutter stirbt und sie auf deren Beerdigung Bern wieder trifft.  Sie erbt die Villa. Sie bleibt in Apulien. Sie schaut nicht mehr nach rechts oder links, Bern ist füTeresa alles, was sie sich jemals gewünscht hat. Sie folgt ihm blind. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf. Sie zieht mit auf den Nachbarhof, den Bern mit zwei befreundeten Paaren besetzt hat und beteiligt sich an einer Art Selbstversorgungsexperiment. Früher oder später laufen die Dinge dann aus dem Ruderin vielerlei Hinsicht.

Es geht um Freundschaft, Verlust, die Sinnsuche einer Generation (die heute Mitte 30jährigen, so wie Giordano selbst) und die Frage, was die Wahrheit sein kann und immer natürlich um Liebe. Und Giordano schildert wirklich großartig die verschiedensten Ebenen und Spielarten von Liebe, die es so gibt. Zwischen Freunden, zwischen Eltern und Kindern und Großeltern, zwischen Paaren, Liebe zur Natur (ökolog. Bauernhof/ Selbstversorgung/ Olivenbäume …ökologische Utopie und Umweltaktivismus) und auch solche religiöser Art. Gerne auch ohne die jeweiligen dazugehörenden dunklen Seiten auszulassen, im Gegenteil…. der Schritt zum Fanatismus, zur Radikalisierung ist hier oft nur ein kleiner und wird auch gelegentlich gemacht.

Ich war absolut absorbiert von dem Buch, fand es sehr gut erzählt, habe sogar extra die Bahn genommen, um weiterlesen zu können. Mich hat es an genau der richtigen Stelle erwischt. 

„Viele Jahre früher hatte Großmutter mir gesagt, dass man nie aufhört, jemanden kennenzulernen. Ich stand bis zur Hüfte im Wasser des Swimmingpools, während sie auf der Liege sitzend die Haut ihrer Knie bearbeitete und betrachtete, was aus ihrem Körper geworden war.

„Man hört nie auf damit, Teresa. Und manchmal wäre es besser, man fängt erst gar nicht  damit an.“

An diesem Nachmitteag hatte ich dem keine Beachtung geschenkt. Ich war achtzehn Jahre alt und ertrug keine Belehrungen. Meine Mutter machte mir immer den Vorwurf, ich sei impulsiv und hartnäckig, eine Kombination, sagte sie, die zu nicht Gutem führen konnte. Doch Großmutters Worte hatten sich irgendwo lebendig erhalten, und nach der Nacht in Tommasos Wohnung, dieser langen Nacht des Wachens, des Stillsitzens und des Grolls, musste ich oft daran denken.

„Man hört nie auf, jemanden kennezulernen …  Es wäre besser, man fängt erst gar nicht damit an.“

Die Wahrheit über einen Menschen. Darauf bezog sie sich, glaube ich. Kommt jemals der Punkt, an dem wir behaupten können, sie zu kennen? Die Wahrheit über Bern, die über Nicola, Cesare, Giuliana und Danco, die Wahrheit über Tommaso und noch einmal die über Bern, vor allem über ihn, wie immer. Kann ich jetzt, da ich die Lücken seiner Geschichte, unserer Geschichte, aufgefüllt habe, kann ich da sagen, ihn wirklich zu kennen? Ich bin mir sicher, Goßmutter würde antworten, nein, jeder vernünftige Mensch würde mit nein antworten: Weil es die Wahrheit über einen Menschen, über jeden Menschen, einfach nicht gibt.“

 

Das Spannende an der Geschichte ist unter anderem auch der Aufbau. Der Leser weiß oftmals bereits mehr als Teresa, die ja eigentlich die Geschichte erzählt, da in ineinander geschachtelten Rückblicken erzählt wird. Also wer Lust auf eine dicht erzählte Geschichte voller Emotionen, dramatischer Handlung und interessanter Charaktere hat, ( es sind wirklich interessante Personen.. es wird viel thematisiert, warum sich Menschen an bestimmten Punkten ihres Lebens so und nicht anders verhaltenwie sich z.B. Radikalität entwickelt und wie man in etwas hineingezogen werden kann) wird mit Giordano sehr glücklich werden.

(Katja Cebulla)

 

 

Informationen:
  • Stand: November 2018
  • Rowohlt Verlag – gebunden– 528 Seiten
  • Preis: 22,- 
  • ISBN: 978-3-498-02533-5

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