Der Stotterer

charles lewinsky der stotterer

„Eltern. Mein Vater kämmte sich die Haare über seine Glatze. Mehr gibt es über seinen Charakter nicht zu sagen. (…) Er war kein Mensch, der unvergessliche Eindrücke hinterließ. Außer auf meiner Haut. Meine Mutter trug Kittelschürzen. Damit ist auch sie umfassend beschrieben.“

Der Stotterer heißt mit bürgerlichen Namen Johannes Hosea Stärckle. Duch mehrere Betrugsfälle hat er sich schuldig gemacht und sitzt nun eine längere Haftstrafe ab. Da er keine Schilder mehr stanzen, sondern lieber in der Bibliothek arbeiten möchte, geht er einen Deal mit dem Gefängnispastor ein. Dieser besorgt ihm den Job, möchte aber im Gegenzug, daß der Stotterer seine Lebensgeschichte aufschreibt, was dieser gerne annimmt. Denn Talent zum Schreiben hat er, dieses Talent hat ihn aber auch in den Knast gebracht.

Nun also beginnt er, an den „Padre“ (wie er leicht arrogant den Pastor nennt) Briefe zu verfassen und wir Leser erfahren so einiges aus Johannes‘ Kindheit und Jugend. Aufgewachsen ist er in einer sektenähnlichen Gemeinde, deren Oberhaupt nicht gerade zimperlich mit aufmüpfigen und ‚anormalen‘ Mitgliedern umgegangen ist:

„Es hat einen Jungen in der Gemeinde gegeben, (…) dem haben sie seine Homosexualität aus dem Leib geprügelt. Oder aus der Seele. Je nachdem, ob die Liebe zu Männern von Viren verursacht wird oder von Dämonen. Eine Erfolgsgeschichte, die man an mir wiederholen wollte.“ (Der Stotterer)

Auch das Leben mit den Eltern war eine Qual, außerdem ist etwas mit seiner Schwester geschehen, was aber erst nach und nach deutlich wird. Und „der Stotterer“ schildert, wie er mit seiner „Behinderung“ umgegangen ist und sie schließlich benutzt hat, um sein schreiberisches Talent zu mißbrauchen („Wer nicht sprechen kann, muß schreiben“)

Neben den Briefen an den Gefängnispastor tauchen dann noch Tagebucheinträge von Johannes auf, die das wahre Leben hinter Gittern beschreiben und ab und an gibt es Einsprengsel von Kurzgeschichten, die die Hauptfigur verfasst hatte, und die sich prima in den Gesamtroman einfügen.

Hochinteressant und spannend ist, dass man als Leser nie weiß, welche Episoden aus seinem Leben erfunden oder wahr sind und welchen Sinn und Zweck er mit den (durchaus möglichen) Lügen haben könnte.

Alles in allem ist Charles Lewinsky ein grandioser Roman gelungen. Teilweise bitterböse (was ich ja liebe) und immerzu intelligent, sein Sprachwitz funkelt nahezu auf jeder Seite durch, hier zum Abschluß ein schönes Beispiel:

„Der Enkeltrick: Ich habe die Formulierung nie gemocht. Es verletzt meinen Berufsstolz, das eine ausgefeilte Technik, die ich mir mühsam erarbeitet habe, ein gewöhnlicher Trick sein soll. Als ob das  jeder könnte. Es müsste auch in meinem Fach einen Meisterbrief geben, und den dürften nur Leute bekommen, die bewiesen haben, dass sie ihr Gewerbe mit einer gewissen Eleganz auszuüben verstehen. Bloß weil man weiß, wie man jemanden mit einer Axt den Schädel spaltet, ist man noch kein Hirnchirurg.“ (Der Stotterer)

(Georg Schmitt)

Informationen:
  • Stand: April 2019
  • Diogenes Verlag – gebunden – 409 Seiten
  • Preis: 24,- €
  • ISBN: 978-3-257-07067-5
  • LINK zur Leseprobe u.a.

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