Der Würfel

Ein Roman von Bijan Moini

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Der Würfel ist ein von den Menschen installiertes System in Europa und Amerika (in China gibt es ein entsprechendes Pendant namens „Xi“), welches den perfekten Algorithmus entwickelt hat. Der Würfel sammelt sämtliche Daten jeder einzelnen Person und errechnet daraus Vorgaben für’s tägliche Leben: Man muß sich also keine Gedanken mehr machen, welchen Beruf man ergreifen, was man essen oder welche Bekanntschaften man machen soll. Wenn man so lebt, wie es der Würfel für einen errechnet, steigt man zudem in einem „Sozialranking“, dem sogenannten Pred-Score. Je höher dieser Score ist, desto höher steigt auch das Einkommen und das gesellschaftliche Ansehen. Ein sorgenfreies und glückliches Leben ohne Gewalttaten soll auf diesem Wege möglich gemacht werden.

„Ich stelle mir vor, Amazon macht einen Produktvorschlag und wenn ich diesem Vorschlag nachgebe, dann bietet es mir dafür Vergünstigungen an. Das passiert ja jetzt schon manchmal, wenn ich irgendein Produkt im Abo bestelle, dann gibt es Rabatt. Und dass dann Menschen belohnt werden, die immer das tun, was ein Unternehmen, oder vielleicht der Staat von ihnen will, das kann ich mir schon sehr gut vorstellen.“ (Moini in einem Interview mit Maxim Landau von Bayern 2)

Es gibt (teilweise religiöse) Minderheiten, die sich dem Würfel entziehen und ein Leben abseits der Zivilisation führen. Manche dieser „Offliner“ haben eigene Provinzen gegründet, die WfZ (Würfelfreie Zone) genannt werden. Und es gibt Menschen wie unseren Protagonisten Taso, die zwar innerhalb des Systems leben, aber versuchen, sich den Algorithmen zu entziehen. Sie sind die sogenannten „Gaukler“, die möglichst wenige Daten von sich preisgeben wollen. Taso ist einer der besten „Gaukler“ des Landes: Er würfelt zum Beispiel morgens erst einmal, um so seine Kleidung nur durch den Zufall zusammenzustellen. Auch im Restaurant wird ihm ein bestimmtes Gericht angeboten, welches er zwar gar nicht mag, aber trotzdem annimmt, um so dem Würfel irreführende Informationen zu liefern. Zudem hat Taso sämtliche Scheiben seiner Wohnung mit schwarzer Folie abgedunkelt, damit die „Datenschürfer“-Drohnen nicht hineinblicken und Daten sammeln können. Das was er erreichen möchte, ist ein selbstbestimmtes und glückliches Leben.

Durch sein Verhalten allerdings ist Taso ein totaler Außenseiter, seinen tristen Alltag verbringt er einsam und alleine. Sein Zwillingsbruder hingegen ist das komplette Gegenteil, Peter liebt den Würfel und das luxuriöse Leben, welches ihm ermöglicht wird.  Die Eltern der beiden wiederum leben in einer „Würfelfreien Zone“, im Gegensatz zu Peter hat Taso wenigstens noch ab und an ein klein wenig Kontakt zu ihnen. So lebt Taso in einer Welt, zu der er nicht richtig dazugehört. Seine Ausflüge in andere WfZs, wo er sich mit Gleichgesinnten austauschen kann, bewirken, daß er immer mehr über das bestehende System nachdenkt und merkt, daß er sich eines Tages wird entscheiden müssen. Doch eines Tages trifft er auf Dalia, eine Offlinerin, die aus ihrer religiösen Gemeinde geflüchtet ist und nun Zuflucht bei Taso sucht…

Fazit: Der Würfel ist ein extrem spannender und intelligenter Zukunftsroman. Ich liebe ja Romane, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Und sooo utopisch sind viele Thesen Moinis gar nicht mehr. Sozialrankings, die auf dem Smartphone gespeichert werden, werden derzeit schon in einigen Provinzen Chinas erprobt. Bis sie den Weg in die tägliche Praxis erfahren, wird es nicht mehr lange dauern. Ach, es gäbe noch so viel zu diesem Thema zu sagen und zu schreiben – Pflichtlektüre für alle, die sich ebenfalls Gedanken machen möchten über die technische Etnwicklung unserer Gesellschaft! Auch wenn manche Dinge  überspitzt werden, wäre es doch wünschenswert, wenn man nach der Lektüre etwas über sein Verhalten mit den Sozialen Medien nachdenkt und vielleicht mit anderen ins (nicht virtuelle) Gespräch kommt

„Am Ende sollte jeder Leser des Buches vielleicht ein bisschen wacher durch die Welt gehen und für sich entscheiden, ob er diese Zukunft für sich persönlich und für die Gesellschaft insgesamt so wollen kann.“ (Bijan Moini)

Zum Autor: Bijan Moini, 1984 geboren, ist Jurist, Politologe und Bürgerrechtler mit deutsch-iranischen Wurzeln. Er arbeitete als Rechtsanwalt für eine Wirtschaftskanzlei. Als ihm die Idee zu Der Würfel kam, kündigte er und widmete sich dem Schreiben seines Romans. Heute koordiniert er die Verfassungsbeschwerden der Gesellschaft für Freiheitsrechte und schreibt und spricht zu gesellschaftspolitischen Themen wie Digitalisierung, Überwachung und Datenschutz.

Ein ganz wichtiges, ergänzendes Sachbuch zu Moinis Buch ist Jaron Laniers „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst.“, (Hoffmann & Campe Verlag, 14,- €). Hier beschreibt der Vordenker des Internets, wie unsere Daten gespeichert und genutzt werden und perfekte Algorithmen unsere Gesellschaft nach und nach negativ verändern.

(Georg Schmitt)

Informationen:
  • Stand: 15. Mai 2019
  • Atrium Verlag – gebunden – 400 Seiten
  • Preis: 22,- €
  • ISBN 978-3-85535-059-9

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