Ein Ort, der bleibt
Drei Frauen, drei Schicksale und ein botanischer Garten
Magda und Alfred Heilbronn leben in Münster. Alfred ist Professor für Botanik und jüdischer Abstammung. Magda besitzt seit 1923 einen Doktortitel, liebt Kunstgeschichte, Naturwissenschaften und Pädagogik sowie Sprachen. Mit zwei Kindern nutzt ihr der Doktortitel anfang des zwanzigsten Jahrhundert wenig und so bleibt sie zu Hause und besorgt den Haushalt und die Kinder.
Ihrer beider Leben verändert sich drastisch, als Alfred seine Professorenstelle 1933 verliert, weil er Jude ist. Als die Situation sich zuspitzt, verlassen sie Deutschland in Richtung Türkei, Istanbul, auf Einladung des Republikgründer Atatürk. Er will die Universitäten des Landes modernisieren und benötigt Wissenschaftler aus allen Bereichen u. a. aus Deutschland. Am Bosporus soll ein Botanischer Garten entstehen mit Pflanzern aus aller Welt. Dafür benötigt er Alfred. Magda packt die Koffer und nimmt natürlich Samen aus der westfälischen Heimat mit.
Parallel wird die Geschichte von Mehpare erzählt. Ein neugieriges Schulkind, das auf das erste Mädchengymnasium dieser jungen türkischen Republik gehen darf. Wissenschaft soll im Vordergrund stehen, nicht Religion. Mehpare wird einer der ersten Frauen, die studieren dürfen und sie darf mit dem Professor aus Deutschland zusammenarbeiten. Sie wird seine Assistentin. Der Botanische Garten wird zu einem blühenden Ort der Wissenschaft. Mehpare liebt es zu sammeln, Beete anzulegen und sich um die Gewächshäuser zu kümmern. Sie merkt, dass neugierige Fragen oft weiterführen als Antworten, die längst überholt sind. In einer schwierigen Phase ihres Lebens erkennt sie, das alte Rituale mehr Hoffnung schenken als moderne Medizin, so lernt sie beides miteinander zu verbinden und blüht auf.
Jahrzehnte später, die Welt ist eine andere geworden. Studierte Frauen gehören in der Türkei und Deutschland zum Alltag. Imke aus Münster, die Stadtplanung studiert hat, reist nach Istanbul, um bei einer Studie mitzuarbeiten, die über die Zukunft des Botanischen Gartens und damit über das Schicksal dieses besonderen Ortes mitentscheidet. Das Areal gehört wieder der Religionsverwaltung und ist für die Forschung geschlossen. Imke ist aber der Meinung, über die Zukunft des Gartens könne nur entscheiden, wer die Geschichte/ Vergangenheit des Gartens kennt. Bei ihrer Recherche zu der Studie stößt Imke auf die Biografie von Professor Heilbronn sowie Magda und Mephare. Diese Arbeit hilft ihr, aus ihren Schatten zu treten und ihren eigenen Weg zu gehen.
Der Roman ist hochaktuell, da er Themen wie Flucht, Exil und den Verlust von Freiheiten behandelt, aber gleichzeitig eine Botschaft der Hoffnung sendet. Er zeigt, dass Wissen und Natur Grenzen überwinden können und dass es sich lohnt, für Orte zu kämpfen, die unsere gemeinsame Geschichte bewahren.
Als ich das Buch das erste Mal in der Hand hielt und das wunderschöne Cover sah und den Inhalt kurz las, wusste ich sofort, das muss ich lesen und bin nicht enttäuscht worden. Was für ein tolles Buch. Unglaublich interessant und gut geschrieben. Die großen Kapitel sind aufgebaut wie eine Pflanze: erst der Samen, dann die Saat, dann der Spross etc. Innerhalb dieser Kapitel spielen die Protagonisten die Hauptrolle.
Die Recherche zu diesem Buch… unglaublich. Hut ab! Der Plot und das Setting einfach SUPER.
Was bleibt noch zu sagen: LESEN LESEN LESEN!
(Katrin Gesterding)
Informationen:
- Stand: April 2026
- Kindler Verlag – gebunden – 496 Seiten
- Preis: 25,- €
- ISBN: 978-3-463-00067-1