Elbland

Ein Roman von Claudia Rikl

Als Ninas Mutter stirbt, ist sie im ersten Moment froh, die Betreuung ihrer depressiven Mutter war eine schwere Belastung für sie. Ihr Vater lebte mit einer neuen Frau zusammen und ihr Schwester war zwar der Liebling der Mutter, aber eher abwesend. Es geht Nina aber zusehends schlechter und zu allem Überfluss versagt ihre Stimme, was für sie als Schauspielerin tragisch ist. Diese Sprachlosigkeit ist bezeichnend für ihre Familie. Ein Familienurlaub vor vielen Jahren führte nach Böhmen, um die alte Heimat der Mutter kennenzulernen, von der nie etwas erwähnt wurde. Aber dort kam es zum totalen Zusammenbruch der Familie, Katja die Schwester flüchtete über die grüne Grenze und der Vater trennte sich von der Mutter. Nina blieb zurück mit der Mutter, der es nie gelang ihre Tochter in den Arm zu nehmen.

Bei der Wohnungsauflösung findet Katja zwei Fotos aus der frühen Kindheit der Mutter aus Arnau in Böhmen, dem Sudetenland. So macht Nina sich auf den Weg nach Tschechien, um ihrer Familiengeschichte auf die Spur zu kommen. Mit Hilfe eines Historikers vor Ort findet sie den Wohnort der Mutter und die Kindheitsfreundin der Mutter. Ihre Mutter wurde mit 5 Jahren , wie auch ca. 2-3 Millionen anderen Sudetendeutschen, vertrieben. Ihre Großmutter, Mutter und ihr kleiner Bruder hatten nur Zeit, um einen Koffer mitzunehmen. Sie kamen mit vielen anderen Familien in völlig überfüllte Internierungslager. Über allem schwebte für das kleine Mädchen die Frage, wo der heißgeliebte Vater war, und die Verantwortung für den kleinen Bruder. Vieles, was Ninas Mutter auf der Flucht erlebt hat, hat sie niemals erzählt und es kann jetzt im Nachgang für Nina zu einem besseren Verständnis für die Mutter sorgen.

Im Roman bin ich auf die historisch realen Figuren Premyl Pitter und Olga Fierz gestoßen. In der „Aktion Schlösser“ haben sie im Großraum Prag nach Kriegsende jüdische Kinder aus Konzentrationslagern aufgenommen, später haben sie noch 400 deutsche Kinder aus den obengenannten Internierungslagern, weil sie deren Not erkannt haben. Hochachtung vor solchen aufrechten Menschen, die den Kindern wahrscheinlich das Leben gerettet haben. Dieser Roman ist eins von vielen Büchern, die die Lebensgeschichte von Vertriebenen und deren Folgen für die nächsten Generationen behandelt. Die Autorin hat die Herkunft der eigenen sudetendeutschen Familie verarbeitet. Es gibt ein interessantes Interview mit der Autorin beim MDR von der Leipziger Buchmesse.

(Margret Kroll)

Informationen:
  • Stand: April 2026
  • Ullstein Verlag – gebunden – 368 Seiten
  • Preis: 23,99 €
  • ISBN: 978-3-550-20446-3
Bücherwurm der Buchhandlung am Sand