Fräulein Nettes kurzer Sommer

Ein Roman von Karen Duve

Karen duve Fräulein nette

Karen Duve ist 1961 in Hamburg geboren, seit 20 Jahren als Schriftstellerin tätig und damit sehr erfolgreich. Ihren bissiger Ton und ihr Humor sind sehr nach meinem Geschmack und daher gefiel mir fast alles, was ich von ihr gelesen habe. RegenromanTaxi“ und Anständig essen“ fand ich grandios.

In ihrem neuen Roman geht es nun um Annette von Droste-Hülshoff, die Dichterin und Komponistin. Es ist ein echter historischer Roman, der auf wunderbare Weise die Literaturlandschaft und die politische Situation Deutschlands und natürlich im besonderen das Leben und Lieben des Freifräuleins von Hülshoff um 1820 schildert.

Nette oder Nettchen, wie ihre Verwandtschaft sie gerne nennt, lebt mit Eltern und Geschwistern auf einem westfälischen Adelsgut und verbringt ihre Zeit unter anderem mit mannigfachen Besuchen  bei der umliegend wohnenden Verwandtschaft. Ihr Großmutter ist jung verstorben, daher hatte der Großvater sich eine zweite Frau gesucht, die ihm fast jedes Jahr ein Kind geschenkt hat, sodass es eine große Anzahl Onkels und Tanten gibt, von denen manche auch jünger als Annette sind. 

Es wird geplaudert und musiziert, doch Nette fällt stets aus dem Rahmen. Sie gilt in der Familie als Nervensäge und als unweiblich, da sie lieber mit ihrem Hammer zum Mineralien klopfen loszieht, dichtet und sich, oh Graus, auch in die Gespräche der Männer einmischt, anstatt liebreizend vor sich hinblickend in der Ecke zu sitzen und zu sticken. Ja Annette hat eine eigene Meinung. Das wird nicht gern gesehen, Wilhelm Grimm z.B. (ja die Gebrüder Grimm kommen auch vor) fürchtet sich zunächst fast vor ihr und so versucht man sie klein zu halten und obwohl wahrscheinlich alle in der Familie ihr Talent erkennen, nimmt man sie nicht für voll. 

Bis Straube, ein Studienfreund von ihrem Onkel August, Nette vorgestellt wird, sich sofort in sie verliebt und auch ihre Gedichte lobt. Straube ist arm und bürgerlich und ganz bestimmt keine Partie für Nette. Kompliziert wird es  dann erst, als auch noch Augusts Freund Arnswaldt ein Auge auf das Freifräulein wirft. Er ist adlig und gutaussehend, aber ein schwieriger Charakter und so sind am Ende einige Herzen gebrochen.

Karen Duve erzählt mit Lust und Leidenschaft, sowohl zart und mitfühlend, als auch bissig und sarkastisch. Nebenbei erfährt man viel über Deutschland vor 200 Jahren. Z.B. über das Wetter von 1815, dessen Sommer wegen des Vulkanausbruchs auf Sumbawa keiner war, was sich dramatisch auf die Ernten auswirkte oder über zunehmend unangenehme Deutschtümelei nach der Napoleonherrschaft bis hin zur Radikalisierung und aufstrebendem Antisemitismus. Das ganze durchsetzt von literarischen Größen der Zeit, wie z.B. den Brüdern Grimm oder Hoffmann von Fallersleben…  ja Karen Duve hat gut recherchiert, was 18 Seiten Literaturangaben beweisen.

Mir war die Lektüre ein großes Vergnügen. Ich habe sogar nach Ende des Romans den Anfang nochmal gelesen, weil das so ein nettes rundes Bild abgibt.

(Katja Cebulla)

  •  Stand: November 2018
  • Galiani Verlag – gebunden – 592 Seiten
  • Preis: 25,- 
  • ISBN: 978-3-86971-138-6

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