Sanditz
Das Buch ist Ihnen vielleicht schon begegnet, falls Sie irgendeine Zeitung lesen oder irgendeine Radiosendung hören, denn es ist ungefähr überall besprochen worden und das, bis auf wenige Ausnahmen, immer begeistert – ich bin es ebenso. Wir gehen nach Sachsen, in die titelgebende Stadt Sanditz – einmal kurz vor Ende der DDR und einmal 2021/22. Wenn Sie jetzt denken, DDR, nein danke, dann lassen Sie mich kurz erwähnen, dass es weniger um eine detaillierte Beschreibung der politischen Zustände oder des Endes der DDR geht, sondern viel mehr um einige Menschen, die in Sanditz leben. Eine Familie im Besonderen und auch diese Familie ist eigentlich ganz normal.
Ich möchte die Art, wie Sanditz geschrieben ist, immer mit einem Mosaik vergleichen, weil Sie das Buch im Prinzip bei einem beliebigen Kapitel aufschlagen könnten und fast so eine Art Kurzgeschichte hätten. Eigentlich ist der Mosaikvergleich aber Quatsch, denn die einzelnen Kapitel ergeben zwar ein großartiges Ganzes, aber es sind längst nicht so viele unterschiedliche Figuren. Wenn Sie wirklich furchtbar leicht zu überfordern sind, gibt es hinten einen kleinen Überblick über die wichtigsten Figuren.
Wir starten, nach den Raben, mit Familie Wenzel im Jahr 2021. Maria lebt nach kurzem Aufenthalt im „Westen“ neuerdings wieder zu Hause bei ihrer Mutter, der Vater wiederum schon seit Jahren nicht mehr, ihr Bruder Tom wäre ein gern gesehener Gast, weigert sich aber, sich gegen Corona impfen zu lassen, und nebenan lebt Onkel Dirk mit seinen 40-50 Jahren immer noch bei Oma Erika. Was dieses Buch so besonders macht, sind zum einen das Augenzwinkern, mit dem Rietzschel einen Großteil der Szenen beschreibt, und zum anderen die Figuren selbst. Sie sind alle keine Helden, viele von ihnen sind nicht einmal übermäßig sympathisch, aber sie alle haben heldenhafte Momente. Lukas Rietzschel hat selbst gesagt, und ich zitiere hier sehr frei, dass man mit dem Stereotyp starten darf, aber nicht mit ihm enden, und das hat er mit Sanditz erfolgreich umgesetzt. Wir lernen, wie Familie Wenzel in ihre jetzige Situation gekommen ist, aber auch, wie es von hier aus weitergeht, und dabei ganz nebenbei noch das ein oder andere über Widerstand, Familie, Umbrüche und die Suche nach dem Sinn. Tragisch ist das nur, wenn die Umstände es voraussetzen, ansonsten erzählt Rietzschel mit viel Nachsicht, wie wenig plan- und berechenbar das Leben meistens ist.
Falls Sie sich in Sachsen etwas auskennen, Sanditz lesen und denken, huh, das ist doch aber nicht Sanditz, das gibt’s ja auch gar nicht, das klingt doch sehr nach Görlitz und der Autor lebt da ja auch, dann darf ich Ihnen gratulieren. Nachdem auf einer Veranstaltung zu einem seiner früheren Bücher plötzlich der Oberbürgermeister eines im Roman erwähnten Ortes aufstand und anfing, eine Liste all der Fehler in der Beschreibung aufzulisten, hat er beschlossen, nie wieder einen echten Ort in einer (erfundenden) Geschichte zu verwenden.
(Sarah Kranz)
Informationen:
- Stand: April 2026
- dtv Verlag – gebunden – 480 Seiten
- Preis: 26,- €
- ISBN: 978-3-423-28516-2