Sunset Flip
Joey Goebels neuer Roman zeigt uns eine Subkultur, über die man so gut wie gar nichts in der Literatur findet: dem Wrestling. Genau, ich spreche von diesem Sport, wo muskelbepackte Menschen mit bunten Kostümen, originellen Frisuren und viel Gegröle gegeneinander in einem Ring kämpfen. Wobei sie dabei nur so tun, als würden sie sich die Köpfe einschlagen. Sie liefern im Grunde nur eine recht eindrucksvolle Show, stellen ihre erfundenen Persönlichkeiten zur Schau und bieten beste schlechte Unterhaltung. Vielleicht erinnern Sie sich noch an The Undertaker, Hulk Hogan und Bret Hart (heute gibt es aber auch viele Frauen im Wrestling).
In dieser Geschichte verfolgen wir die Wrestling-Geschichte von Auggie Schnuck, einem jungen Mann aus dem Mittleren Westen der USA, der aus ärmlichen Verhältnissen kommt, viel zu dünn und zu klein geraten ist, aber mit jungem Erwachsenenalter lernt, dass Krafttraining stark macht. Er wird ein sehr ansehnlicher junger Mann, der seine Liebe zum Theaterspielen entdeckt, aber Schwierigkeiten hat seinen Selbstwert zu erkennen. Dann trifft er Nadine, die wunderbar und großartig ist und sie hegen zusammen einen Traum: Sie wollen zum Film! Nur ist der Weg steiniger, als gedacht. Als sie nichts als Werbespots abgreifen, kommt ihnen die Idee über das Wrestling einen Fuss in die schwere Tür der Filmwelt zu bekommen.
Auggie ist vom Ehrgeiz angetrieben für sich und seine Nadine ein schönes, bequemes Leben zu erschaffen. Er gibt alles, verlangt sich alles ab, was sein Boss Stan von ihm im Wrestling-Ring verlangt. Um seinen Job besonders gut zu machen, bleibt er immer länger in seiner Wrestling-Persona „The Aug“ und die geht ihm so sehr über, dass er mit ihr verschmilzt. Auggie wird immer mehr zu The Aug: schnell wütend und gleichzeitig verwirrt, weil er die Realität nicht vom Wrestling unterscheiden kann. Nadine ist am Ende, denn so kann es nicht weiter gehen.
Diese sehr mitreißende Charakterstudie zeigt nicht nur wie jemand am Druck Erfolg zu haben und seine Ziele zu erreichen, zerbricht. Sondern auch die Lüge des Amerikanischen Traums: alles mit harter Arbeit erreichen zu können. Mich hat besonders die Beziehung zwischen Auggie und Nadine berührt. Die beiden sind einander Anker, Stütze und Ansporn. Und Auggies Wandlung vom sehr sympathischen jungen Mann zum manischen Wrestler, der nicht mehr versteht, was real passiert oder erfunden ist, wer ihn hintergeht und wer zu ihm hält: das ist sehr mitreißend erzählt. Trotz meines geringem Wissens und mangelndem Interesses an Wrestling hat mir das Buch sehr gut gefallen. Einfühlsam wird ein zerbrechlicher Charakter in seinem Wandel begleitet und das ist etwas, was in egal welchem Thema, einfach einnehmend ist. Man wünscht Auggie von Seite eins an, dass alles für ihn gut wird.
Laura Pawletko
Informationen:
- Stand: Juni 2026
- Diogenes Verlag – Gebunden – 384 Seiten
- Preis: 26,- €
- ISBN: 978-3-257-07374-4