Vor uns die Zeit

Ein Roman von R. C. Sherriff

Tom, Zeit seines Lebens bei einer Versicherung angestellt, geregelte Arbeitszeiten, geht in Rente. Aufregend, könnte man meinen, aber irgendetwas fühlt sich dann doch nicht ganz richtig an. Die Uhr, die er geschenkt bekommt, ist keine Überraschung, denn alle bekommen immer eine Uhr, wenn sie in Rente gehen, trotzdem kommt sie ihm mit einem Mal gänzlich unpassend vor: Warum eine Uhr für jemanden, der doch eigentlich gar keine mehr braucht?

Er fährt dann, ein letztes Mal, wie ihm bewusst wird, mit dem Zug nach Hause und liest dabei, wie üblich die Zeitung. Was fällt ihm als erstes ins Auge? Natürlich, der Artikel über den Pensionisten, der sich in seiner Garage erhängt hat. Aber Tom ist ein vernünftiger Mensch und nach einem kurzen Moment der Panik, dass auch ihm ebenjenes Schicksal blüht, kann er sich halbwegs beruhigen – er hat gar keine Garage.

„Vor uns die Zeit“ ist ein sehr britisches Buch, aber mit dem britischen Humor der 1920er, denn damals erschien es zum ersten Mal. Sehr trocken und ironisch beschreibt Sherriff, mit welchen dramatischen Umbrüchen Tom und seine Frau Edith nun zu kämpfen haben, denn ganz so reibungslos, wie Tom sich das Rentenleben einmal ausgemalt hatte, funktioniert es natürlich nicht. Zeit für Hobbys war vorher gar nicht da, der Plan, endlich mal die 12-bändige Historica Brittanica zu lesen, erweist sich als nicht so aufregend, wie erwartet. Edith wiederum versucht sich in Nachsicht und Geduld, wenn sie Tom wieder in IHREM Sessel findet, in dem sie seit 41 Jahren jeden Tag IHREN Mittagsschlaf hält (natürlich aus guten Gründen), und die Haushälterin findet es überhaupt nicht witzig, als Tom plötzlich den inneren Gärtner entdeckt und einfach ihre Haushaltsgeräte zweckentfremdet.

Klamaukig ist der Roman dennoch nicht, vielmehr gewinnt man den Eindruck, dass sich in den letzten hundert Jahren in vielen Fällen gar nicht so viel getan hat. Liebevoll belustigt erzählt Sherriff uns, wie Tom und Edith dann doch versuchen, ihre vorher so unterschiedlichen Alltage im fortgeschrittenen Alter zu synchronisieren und, beinahe durch Zufall, noch mal in ein kleines großes Abenteuer starten.

Meiner Meinung nach ist das ein Buch, das viele lesen können und das man auch ganz vielen schenken kann. Jemand geht bald in Rente? Schenken Sie „Vor uns die Zeit“, damit die Person gewappnet ist für die Abgründe, die sich nach dem Arbeitsleben auftun können. Jemand ist seit kurzem in Rente? Schenken Sie „Vor uns die Zeit“, damit die Person weiß, dass sie nicht allein ist in Zeiten der Not und alles wieder gut werden wird. Jemand ist noch voll im Arbeitsleben und hasst es aus ganzem Herzen? Mit „Vor uns die Zeit“ schenken Sie neue Wertschätzung für die Zeit vor der Rente und das Wissen, dass nach der Arbeit nicht unbedingt alles besser wird. Sie haben Menschen unter 35 in Ihrem Leben? Schenken Sie „Vor uns die Zeit“, damit auch die wissen, wie das war mit der Rente, denn man weiß ja nie – vermutlich werden wir sie nicht mehr miterleben dürfen.

(Sarah Kranz)

Informationen:
  • Stand: April 2026
  • Unionsverlag – gebunden – 336 Seiten
  • übersetzt aus dem Englischen von Rainer Moritz
  • Preis: 26,- €
  • ISBN: 978-3-293-00635-5  
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