Was Nina wusste

Ein Roman von David Grossmann

David Grossman erzählt in seinem neuen Buch „Was Nina wusste“,  von drei Frauen einer Familie, die um ihre Vergangenheit ringen, um sich ihres eigenen Platzes im Leben zu versichern, wenn auch nur um damit abschließen zu können.

Warum hat Vera, Gilis Großmutter damals unter Tito, ihre Tochter Nina als 6-jähriges Mädchen in ein Heim gegeben? Warum hat sie ihren Mann, den sie über alles liebte, nicht verraten, als es schon keine Rolle mehr spielte und damit die Lagerhaft auf einer Insel auf sich genommen, anstatt sich um ihre Tochter zu kümmern. Und was wusste Nina? Damals und heute?

Diese Fragen beschäftigen die 39-jährige Gili  schon lange, da auch sie durch das Verhalten ihrer Großmutter, die inzwischen 90 ist, um ihre Mutter Nina gebracht worden war. Nina, die durch die Welt zieht, sich nicht zuständig fühlt und doch bei jedem Auftauchen im Kibbuz Gilis Vater Rafael erneut verzaubert. Den Vater, der immer da war und in dessen Fußstapfen sie tritt und  Filme macht, wie er. Und so planen sie eine Reise, die letzte vermutlich im Leben der Großmutter, zu der ehemaligen jugoslawischen Gefängnisinsel, dem Ort, an dem alles hängt, in der Hoffnung, dass Vera erzählt was damals genau passiert ist und es Gili gelingt daraus einen Film zu machen. Drei Frauen, die einander alles bedeuten sollten, ein liebender Mann und Vater, und eine Lehrstelle.

Grossmans Buch bezieht sich auf eine wahre Geschichte und bricht einem das Herz. Das reale Vorbild für Vera ist die kroatische Kommunistin Eva Panic-Nahir. Als jüdische Partisanin hatte sie gemeinsam mit ihrem serbischen Ehemann an der Seite Titos gegen die Nazis gekämpft. Beiden wurde später  Stalinismus vorgeworfen, ihr Mann, die große Liebe ihres Lebens, brachte sich in Haft um, sie überlebte die Internierung auf der berüchtigten Gefängnisinsel Goli Otok. Im Roman entscheidet sich Vera für die Ehre ihres Mannes und wie immer nehmen Familien Schaden vom Kriegsgeschehen, von Diktatur, von Überwachung. Und Kinder sind die schwächsten Glieder, sie bewahren den Schmerz und geben ihn allzu oft weiter.

Es ist ein intensives Buch, trotz Lagergräuel und Gewalt, voller Liebe und Menschlichkeit, das sich die Frage stellt, wie mit Schuld umzugehen ist, wie Familien Lehrstellen füllen können oder ob überhaupt. Spannende Gedanken, die ich absolut großartig, sehr feinfühlig und bewegend erzählt fand. Ich habe “Was Nina wusste“, das von Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen übersetzt wurde, mit großer Begeisterung gelesen und empfehle es unbedingt weiter.

 

„Und dann fällt sein Kopf nach vorn, als hätte man ihn abgeschlagen. Er weint. Tut, wozu Vera, Nina und ich in diesem Moment nicht in der Lage sind, jede wegen ihrer ganz persönlichen Verkrüppelung“

(Katja Cebulla)

Informationen:
  • Stand: August 2020
  • Hanser Verlag – gebunden – 352 Seiten
  • Preis: 25,- €
  • ISBN: 978-3-446-26752-7

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