Wo der Wind die Namen trägt
Lüneburger Heide: idyllische Landschaft, blühende lila Felder, Wacholder, Schafe, diese Kindheitserinnerungen hatte auch die Autorin, als sie für diesen Roman recherchierte. Der Roman beginnt mit einem Brief an Inge mit einem Absender aus Sülze einem Ort in der Lüneburger Heide. Sie wird zu einem Klassentreffen eingeladen, an diesen Ort, den sie jahrzehntelang versucht hat zu verdrängen. Sie folgt trotzdem der Einladung, um die aufgetauchten Tagebuchaufzeichnungen von Helga von Borcke einzusehen. Helga von Borcke hatte 1946 als Journalistin begonnen, Dorfchroniken im Heidekreis, zu dem auch Bergen Belsen gehört, zu schreiben. 1946 ist auch das Jahr, in dem die damals 8-jährige Inge auf dem Weg zum Geigenunterricht im Wald die Leiche einer jungen Frau findet.
Wir tauchen mit Inge in die Zeit ab 1943 ein, als sie mit ihrer Mutter, einer Ärztin, aus dem zerbombten Hamburg in einem Bauernhof in Sülze einquartiert wird. Ihre Mutter wird eine beliebte Ärztin in den Dörfern und Inge lebt in einer tollen Gemeinschaft mit den Dorfkindern. Aber diese Dorfidylle bekommt im Rückblick viele Risse. Die idyllische Heidelandschaft war Schauplatz von Kriegsverbrechen und viele Täter lebten noch lange unentdeckt in ihren Familien.
Die Autorin schildert vieles aus Kindersicht, das was sie erlebt haben, was verschwiegen, verdrängt und spät in der Gegenwart auftaucht. Die Romanhandlung ist kein frei erfundener Stoff, sondern weitestgehend an historischen Begebenheiten angelehnt. In dieser Zeit hat Adolf Eichmann unter falschem Namen in der Lüneburger Heide gelebt, Hühner gehalten und die Eier verkauft. Ohne Mitwisser wäre das und seine spätere Flucht nicht möglich gewesen. Die Autorin schildert, wie Verbrechen und alte Seilschaften nach 1945 weiter bestehen. Im Anhang ist ein Personenregister der real historischen Personen und ein Nachwort der Autorin. Ein aufrüttelnder Roman über die Nachkriegszeit, deren Schatten bis in die Gegenwart reichen.
(Margret Kroll)
Informationen:
- Stand: April 2026
- C. Bertelsmann Verlag – gebunden – 384 Seiten
- Preis: 24,- €
- ISBN: 978-3-570-10606-8